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Angst vor der Kleiderordnung


Die Olympischen Winterspiele stehen vor der Tür - und Sarah Hecken ist dabei. Doch so ganz hat die Mannheimerin noch immer nicht realisiert, dass sie - als Jüngste im Team des Deutschen Olympischen Sportbundes - das wichtigste Ereignis in der Karriere eines Sportlers miterleben darf. "Das passiert wohl erst, wenn ich im Olympischen Dorf bin", meint die 16-Jährige vom Mannheimer ERC.

Das Negativ-Erlebnis Europameisterschaft im Januar steckt noch ein wenig im Kopf. "Da war ich mir einfach zu sicher, es lief vorher alles zu perfekt", sagt Hecken, die in Tallin mit Platz 16 nur ihr Minimalziel erreichte. Die Verletzung an der Hand (Prellung und Bänderdehnung), die sie sich beim gestürzten dreifachen Lutz zuzog, ist mittlerweile verheilt, der Ärger über die verpasste Top-Ten-Chance aber keineswegs vergessen. Doch genau der soll ihr nun in Vancouver den entscheidenden Impuls geben, ihr ganzes Können abzurufen.

"Erst einmal will ich ins Finale kommen. Und dann wird man sehen, wie weit ich mich nach vorn arbeiten kann", formuliert die Gymnasiastin ihre Ansprüche. Wohl wissend, dass das Niveau bei den Olympischen Spielen deutlich höher sein wird als bei der EM. "Weltweit wurden nur 30 Startplätze vergeben. Nicht jede Nation, die wollte, hat einen erkämpft", ist ihr klar, dass es angesichts der Qualität der Konkurrentinnen keineswegs selbstverständlich ist, sich in der Kurzkür für den Endkampf der besten 24 zu qualifizieren. Schon deshalb ist sie froh, dass Coach Peter Sczypa die Idee hatte, die Verletzungstage für eine Änderung des Kurzprogramms zu nutzen. Nicht inhaltlich, wohl aber bei der Musik. "Sie ist immer noch aus Romeo und Julia, aber die Auszüge sind andere, gefallen mir viel besser", meint Hecken. Die Athletin freut sich auf die erste öffentliche Präsentation am Dienstag, 23. Februar (Ortszeit 16.30 bis 21 Uhr).

Aufgrund ihrer Position in der Weltrangliste wurde sie auf Platz 15 eingestuft, also in die dritte von fünf Startgruppen mit je sechs Läuferinnen. Wenn es erstmals ernst wird, ist ihre Mutter Sabine im Pacific Coliseum vor Ort und drückt die Daumen, dass ihre Tochter auch noch bei der Kür am Donnerstag, 25. Februar (Ortszeit 17 bis 21 Uhr), auf dem Eis stehen wird.

Die Voraussetzungen dafür legen Sczypa und Hecken derzeit im Mannheimer Eissportzentrum Herzogenried, wo die 16-Jährige täglich ihre beiden Programme läuft. "Sarah befindet sich zurzeit auf einem guten Niveau, aber sie ist noch nicht in Topform", sagt der Trainer. Ob die Mannheimerin in der Kür dann den dreifachen Lutz oder Rittberger springt, entscheidet sich erst unmittelbar vor dem Wettkampf. "Der Bauch sagt Lutz", hat die Eiskunstläuferin den Sturz bei der EM abgehakt.

Spätestens am Dienstag, eventuell bereits am Sonntag besteigen Sczypa und Hecken den Flieger Richtung Kanada. Sie sind schon gespannt auf das Leben im Olympischen Dorf. Mit wem die Elftklässlerin das Appartement teilt, weiß sie noch nicht. Sie freut sich aber auf das Zusammenleben mit den vielen Stars. "Für gute Freunde gehe ich vielleicht auf Autogrammjagd", verrät sie. Wenn am Samstag, 20. Februar, trainingsfrei ist, würde sie gerne einen Ausflug nach Whistler oder Cypress Mountain machen: "Skispringen und Snowboard sind coole Sportarten." Eingeplant ist auch ein Besuch auf der Medal Plaza in Vancouver. "Vielleicht schon zur Siegerehrung der Paare, sicherlich aber zu der der Herren", erklärt die Schülerin. Sorgen bereitet ihr die Kleiderordnung: "Ich habe ein wenig Angst, dass ich das nicht richtig mitkriege." Denn die Auswahl an Hosen, Jacken, Pullis, Rollis, T-Shirts und Schuhen ist riesengroß. Allein schon die Einkleidung in München war ein Erlebnis: "Bis auf die Mützen finde ich alles sehr schön."

Eigentlich war es ihr Wunsch, schon bei der Eröffnungsfeier dabei zu sein - was aus Trainingsgründen nicht möglich ist. Umso glücklicher ist Hecken, dass sie nun bis zur Abschlussfeier bleiben darf, obwohl Sczypa direkt nach Ende der Eiskunstlauf-Wettkämpfe nach Hause fliegt, um Julia Pfrengle auf die Junioren-WM vorzubereiten. Doch weil Heckens Mutter ebenfalls bis zum Schluss bleibt und Stefan Lindemann nach seinem - voraussichtlich - letzten internationalen Auftritt den ersten Schritt in sein neues Trainerleben macht und Hecken einige Tage betreut, war Sczypa einverstanden - obwohl im März noch die WM folgt. "Die Nominierung steht zwar aus", sagt der Trainer, "aber außer Sarah bietet sich niemand an."

Quelle: Mannheimer Morgen vom 11. Februar 2010

 

Donnerstag, 11. Februar 2010 11:03 Alter: 206 Tage